Wenn ich einen Song auswählen müsste, um zu beschreiben, wie es war, sich bei einer Tasse Kaffee mit Jeff Bratton zusammen zu setzen, um über Musik und die Gründung seines neuen Musiklabels zu sprechen, dann würde ich von The Smiths "This Charming Man" nehmen. Bratton, der erst kürzlich von Los Angeles nach Brooklyn umgesiedelt ist, hat ein einnehemendes Wesen. Sein warmes Lächeln und die Leidenschaft für sein Lieblingsprojekt, das in der Musikszene binnen kürzester Zeit für Furore gesorgt hat, üben eine enorme Anziehungskraft aus.
Mr. Jeff Bratton
Was ist denn die Vorgeschichte Deines Labels? Wie ist Cascine entstanden?
Im Jahr 2010 habe ich bei meiner Arbeit eine Auszeit genommen. Ich hatte vor, den Winter in Europa zu verbringen. Vorab habe ich mich natürlich nach Stätden umgeschaut, in denen ich eventuell meine Zeit verbringen wollen würde. Dann bin ich in Schweden - in Stockholm und Göteborg - hängen geblieben. Die Musik aus der Gegend liegt mir persönlich außerordentlich. Im Vorfeld hatte ich einige Musiklabel kontaktiert und mit Ola von Service ein wenig hin und her geschrieben. Er hatte mir auch immer sehr freundlich geantwortet, aber es ging irgendwie nie über die Ebene"Danke für Ihr Interesse" hinaus. Aber ich blieb am Ball und vereinbarte schließlich direkt zu Beginn meines ersten Aufenthaltsmonats in Schweden einen Termin mit ihm. Wir verstanden uns auf Anhieb. Die paar Stunden beim Kaffee wurden in den darauffolgenden 3 oder 4 Wochen zu einer ganzen Reihe von Treffen. Wir hingen viel in der Stadt herum und erzeigte mir Stockholm. Wir redeten viel über Musik, Musik, Musik ... Er stellte mich einigen Künstlern in Göteborg vor und öffnete mir den Blick für die Musikszene in Schweden. Am Ende reiste ich aus Schweden ab und hatte eine Vereinbarung in der Tasche, Service in den USA zu vertreten.
Wie lange hat es nach Deiner Rückkehr nach LA gedauert, bis Du zum ersten Mal an Cascine gedacht hast?
Ganz ehrlich? Service hat eine Publizistin in London, Sandra. Sie hatte einige Demos von einer Band geschickt bekommen - Shine 2009. Die Band stammt aus Finnland und war an Service herangetreten, um sich verlegen zu lassen. Ich habe mir die Demos angehört und war völlig verrückt nach der Musik. Was soll ich sagen: sie haben es geschafft, in einer Woche mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Ich erinnere mich daran, dass ich die vier Songs in New York auf meinen iPod gepackt und beim U-Bahn fahren angehört habe. Ich glaube, von der Haltestelle Midtown bis zur 14. Straße hat sich meine Weltsicht verändert (lacht). Meine Rückmeldung an Service war demnach sehr positiv. Allerdings hatte Ola keine so hohe Meinung von der Band. Sie würden nicht gut zum Label passen und Service würde nicht mit ihnen zusammen arbeiten. Ich wollte mir die Gelegenheit aber nicht durch die Lappen gehen lassen. Früher oder später würde ein anderes Label die Band sicher aufnehmen. Da kam mir der Gedanke, sie in den USA "in Eigenregie" zu verlegen. Aber ich wusste auch, dass die Gründung eines Musiklabels aus dem Nichts zum Scheitern verurteilt wäre. Als Angestellter von Service lag es für mich auf der Hand, dass ich einen Ableger des Labels ins Leben rufen würde, in dem ich flexibel genug wäre, um mit den Künstlern zu arbeiten, die mir am Herzen liegen und wo ich bei den Produktionen ich mitmischen könnte. Also trat ich an Ola und die Jungs von Shine heran und gründete Cascine mit der EP von Shine als Erstlingsprojekt. Alle sagten zu und wir hatten fünf Wochen Zeit, die Platten zu pressen und alles zum Laufen zu bringen.
Shine 2009
Nun hattest Du Deine ersten Künstler. Wie ging es danach weiter?
Die EP von Shine kam bei den richtigen Leuten ziemlich gut an. Die erste Platte war jetzt draußen und Ola gab seinen Segen für Cascine als geistigem Bruder von Service. Das war meine A&R-Starthilfe mit der ich an Bands herantrat, die mich interessierten und mit denen ich wirklich gerne zusammen arbeiten wollte. Dazu gehörten unter anderem Chad Valley, Evan Voytas und Selebrities. Außer meinen Musikkenntnissen warf ich all meine professionelle PR- und Marketing-Erfahrung in die Waagschale. Den Künstlern machte ich dann mit einem sehr nüchternen, geschäftsorientierten Konzept meine Aufwartung. Ich weiß nicht, ob es in der unabhängigen Musikwelt so etwas ähnliches überhaupt gibt. Danach begannen wir mit der Arbeit, investierten und machten einen Schritt nach dem anderen.
Ich denke, es ist schon ein großer Vorteil, dass Du so ein Musikfan bist und dass Du diesen unglaublichen Enthusiasmus für die Arbeit mit diesen besonderen Künstlern mitbringst.
Das, was ich über Cascine mit voller Überzeugung behaupten kann, ist dass der Sound eine Erweiterung von mir selbst ist. Ich meine, ich finanziere das Label komplett selbst und gebe alles für dieses kleine Label. Ich bin absolut stolz darauf und stehe voll und ganz hinter jedem der Künstler. Für mich ist es eine ganz andere Art emotionaler Investition und eine ganz andere Art von Enthusiamus. Das Label zu kennen bedeutet, einen großen Teil von mir selbst zu kennen.
Was bei vielen der Platten auffällt ist diese besondere Art von Nostalgie in der Musik. Deswegen habe ich mich gefragt, wer Dich in Deinem Leben, in Deiner Entwicklung wohl musikalisch geprägt und Deine besondere Liebe für die Musik geweckt hat?
Momentan versuche ich, dieses Gefühl festzuhalten, wie wenn Du als Kind einen neuen Sound hörst und er sich so frisch anfühlt, dass Dein Körper praktisch im Einklang dazu steht. Ich wünsche mir sehr, dass die Musik von Cascine dieses Gefühl bei Menschen weckt. Die Band, die mein Leben verändert hat und wegen der ich mich in die Musik verliebte, war The Cure. Ganz besonders das Album Disintegration. Bei der Platte hatte ich diese besondere tiefe Empfindung. Jesus & Mary Chain fand ich auch super. New Order ebenfalls. Sogar noch mehr als Joy Division. Die Chameleons, vieles von Sarah Records - Another Sunny Day, The Wake usw.
Mit den Platten, die Cascine herausbringt, vermittelst Du eine gewisse Intimität. Liegt das daran, dass Du mit den Künstlern zusammen arbeitest und den Sound gestaltest oder an den jungen Bands, die ihre Musik als wirklich wichtig empfinden?
Ich denke, philosophisch betrachtet gibt es da eine ganze Menge von Parallelen zwischen unserer Arbeit als Label und der Arbeit der Künstler, wie sie ihre Musik empfinden und interpretieren. Ich liebe die Arbeit mit Musikern, die ihre Werke ernst nehmen und keine Altlasten mit sich herumschleppen. Auf die Art und Weise können wir uns zusammen setzen und etwas Neues erschaffen.