Der aus Memphis, Tennessee, stammende James Little studierte an der Syracuse University, wo er unter anderem den Kurs „Moderne Formalistische Theorie" bei dem renommierten Kunstkritiker Clement Greenberg belegte. Die leinwandfüllenden leuchtenden Farben und exakten geometrischen Formen des Künstlers verraten, dass die Begegnung mit Greenberg bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterließ. Allerdings weigert sich Little mit einem Augenzwinkern, seine Malerei in eine Schublade stecken zu lassen: „Ich bin abstrakt und ich bin ein Expressionist, aber ich bin kein Vertreter des Abstrakten Expressionismus!"
Wie man an der akribischen Art, wie seine Werke entstehen, erkennt, ist Little in erster Linie ein Handwerker, der mit verschiedenen selbst entwickelten Techniken arbeitet. Der Aufwand, den er bei der Konzeption und Umsetzung jedes einzelnen Bildes betreibt, zeigt sich in der gekonnten Ausführung und der unverwechselbaren Handschrift, die sich Little über die Jahre zugelegt hat. Vielleicht ist es auch seinen leuchtenden Farben zu verdanken, dass sein Werk seit kurzem wieder sehr populär ist - bei einem Kunstpublikum, das vor allem eine schlichte, minimalistische Ästhetik schätzt.
Wie viele New Yorker wurde auch Little von der sich schnell ändernden Lage auf dem Immobilienmarkt und vom Schicksal kreuz und quer durch die Stadt getrieben: Von der 25. Straße zog er ins West Village, bis sich dort die New York University breitmachte. Also ging er nach Chelsea, wo ihm irgendwann die Galerien seinen Platz streitig machten. Heute liegt sein Atelier in Williamsburg, im Zentrum von Brooklyns Hipster-Hochburg. „Als ich hierherzog, sah das Viertel noch ganz anders aus", versichert er mir.
Als ich Littles Atelier betrete, werde ich erst mal von Miles Davis' Trompete begrüßt. Die Freiheit, der Klang und der Teamgedanke des Jazz üben einen großen Einfluss auf seine Malerei aus. Fast meint man, diese Klänge direkt zu hören, wenn man seine sorgfältig komponierten Bilder betrachtet: Wie musikalische Improvisationen reihen sich die Themen aneinander.
Kannst du beschreiben, wie du an deine Bilder herangehst?
Ich mag es, in meinen Bildern Beziehungen zu schaffen und die einzelnen Elemente gegeneinander auszuspielen. Der Funke springt dann über, wenn ich diese völlig unterschiedlichen Szenarien zusammensetze und damit so etwas wie eine rhythmische Einheit schaffe. Ich merke, dass etwas nicht an seinem Platz ist, wenn es keinen Gleichklang mit dem Rest des Bildes gibt. Aber ich weiß nie ganz genau, wo mich mein Bild hinführt, weil alle meine Werke auf eine seltsame Weise miteinander verwoben sind. Ich improvisiere. Das denkt man vielleicht nicht von jemandem, der mit geometrischen Formen arbeitet, aber es stimmt wirklich: Ich improvisiere mit Farben. Ich lege sie erst im Schaffensprozess fest. Es sind alles Mischfarben und ich lasse mir dabei viel Zeit. Bevor ich eine bestimmte Farbe gefunden habe, muss ich sie oft vier- oder fünfmal anmischen. Wenn ich die Farbe dann auf der Leinwand habe, suche ich nach dem richtigen Ton für die Stelle daneben. Aber glaub jetzt nicht, dass ich einfach wahllos Farben auf das Bild klatsche. Im Gegenteil: Mit jeder Farbe versuche ich, eine ganz bestimmte Idee weiterzuentwickeln.
Ich halte ständig Ausschau nach Ideen. Rund um die Uhr. Ohne Pause. Wie ein Perpetuum mobile. Manchmal sehe ich etwas auf der Straße, was ich dann so lange mit mir rumtrage, bis es in einem meiner Bilder wiederauftaucht. Dazu habe ich eine ganze Menge Techniken und Medien entwickelt, mit denen ich bestimmte Effekte erzielen kann. Heutzutage tun viele Leute das Wissen über Farben, Farbwerte und rein formelle Aspekte einfach ab. Aber ich finde, sie ignorieren dabei, dass Kunst auch mit Können zu tun hat. Inzwischen wird ja alles Mögliche als Kunst bezeichnet. Neulich war so ein Typ im Museum of Modern Art, der kopfüber auf einem Flügel gespielt hat. Er spielte also kopfüber Bach. Aber weil das im Museum of Modern Art ist, muss es ja schließlich Kunst sein. (lacht)
Was deine Meinung zu Kritikern und Entscheidungsträgern in der Kunstszene betrifft, scheinst du ständig mit dir selbst zu kämpfen.
Ein Kunstkritiker hat mal gesagt, dass alles viel zu schnell geht. Ich sehe das anders. Da kommt zum Beispiel jemand wie Pollock, der die ganze Sache an einen bestimmten Punkt treibt, wo man dann nicht mehr zurück kann. Also muss man rausfinden, wie man das Problem für sich löst. Das ist nicht leicht. Aber man kann doch nicht einfach behaupten, es geht zu schnell, nur weil es passiert ist.
Wir leben heute in einer Gesellschaft voller Informationen. Jedes Mal, wenn ich was mache, versucht jemand, es mit anderen Künstlern in Verbindung zu bringen. Ich arbeite mit universellen Formen. Aber wenn ich was Gestreiftes male, sagt jemand Gene Davis, wenn bei mir ein Kreis auftaucht, heißt es gleich Kenneth Noland und bei einem Oval fällt bestimmt auch irgendwem noch jemand ein. Das waren beides großartige Maler, aber ich tue das, was ich tue, nicht wegen denen. Sobald man etwas macht und es zeigt, wird es öffentliches Eigentum. Es gibt kein Patent dafür. Das sind einfach universelle geometrische Formen. Meine Bilder sind geprägt von der Geschichte der Malerei und meinen amerikanischen Wurzeln. Und zwar nicht in einem linearen Sinn. Es geht um das Ganze. Die ganze verdammte Sache. Das prägt mich.
Und deine Prioritäten haben sich nicht verändert. Sie verlagern sich, aber dein Fokus bleibt immer gleich.
Ich bin auf unterschiedlichen Wegen da hingekommen, wo ich jetzt bin, und ich höre nicht auf. Ich fordere mich selbst heraus. Wenn sich eine Idee bei mir festsetzt, probiere ich sie aus. Wenn man auf die Kunstgeschichte zurückblickt und denkt, dass man dort etwas sehr Ähnliches findet, gibt es trotzdem immer etwas, was einen von früheren Künstlern unterscheidet. Man muss sich einfach darüber klar werden, was einen einzigartig macht. Bei mir ist es die Farbe. Und außerdem hat die Art, wie ich Sachen zusammenbringe, nicht wirklich mit einer traditionellen Betrachtungsweise zu tun. Manchmal will ich Leute einfach zum Nachdenken bringen oder eine Reaktion auslösen. Und oft ist für mich das Malen dann am effektivsten, wenn die Reaktionen ganz subtil und unterschwellig sind. Es sind schon Frauen auf mich zugekommen, die mir erzählten, dass ihnen von meiner Malerei richtig schwindelig wird.
Das würde ich nicht gerade als subtile Reaktion bezeichnen. (lacht)
Wie jeder weiß, ist die Kunstszene sehr schnelllebig, aber du beschäftigst dich schon sehr lange mit dem gleichen Thema. Du perfektionierst deine Technik und arbeitest dich an dem ab, was dich am meisten interessiert. Es ist lustig zu beobachten, wie die Kunstszene dich jetzt einholt...
Tja, der Kreis schließt sich eben.
Auf einmal gibt es dieses Rieseninteresse an deiner Arbeit, obwohl sie selbst nicht wirklich anders geworden ist.
Genau. Ich habe schon immer mit geometrischen Formen, Farbe und Stofflichkeit gearbeitet. Ich male schon lange mit Öl- und Wachsfarben. 1972 habe ich damit angefangen. Ein paar Bilder habe ich mit Pappmaché und Farbpigmenten gemacht. Ich habe schon immer viel rumexperimentiert. Ich wusste, dass meine Arbeit irgendwann ankommen würde, aber man muss schon einen ziemlich langen Atem haben. Man muss zu seiner eigenen Ausdrucksform finden und sie ständig weiterentwickeln. Es lohnt sich wirklich nicht, anderen hinterherzujagen. Man muss rausfinden, was einem selbst wichtig ist, sich auf seine Stärken konzentrieren und sich nicht ablenken lassen. Klar, sobald ein neuer Trend auftaucht, fühlen sich überall Mitläufer auf den Plan gerufen. Es kann also ziemlich einsam sein, wirklich sein Ding durchzuziehen, aber es kann auch sehr spannend werden. So oder so ist es nicht leicht.
Besonders wenn man weiß, dass man für die eigene Arbeit Anerkennung verdient, sie aber einfach nicht bekommt und es lange Durststrecken gibt, die man irgendwie überwinden muss ... Es gibt da ziemlich viele Tiefpunkte. Meine eigene Arbeit ist nicht nur sehr arbeitsintensiv, sondern auch mental eine ziemliche Herausforderung ... Es gibt Zeiten, wo ich erst mal meine zwei Beine zusammensammeln muss, wenn ich aus dem Atelier nach Hause will. Es macht einen fertig, aber es lohnt sich auch.
Wie lange arbeitest du ungefähr an einer Serie?
Ich male so ungefähr drei Monate an einem Bild. Wenn es nicht gleich verkauft wird, ist es mir sogar lieber, wenn es zurück zu mir ins Atelier kommt, weil es mir hier mehr bringt als in irgendeinem Galerielager. Und das Lernen hört nie auf. Es ist wie eine Wissenschaft: Man denkt sich nicht einfach irgendeine Formel aus und schmeißt sie dann wieder aus dem Fenster. Nein: Das eine führt zum anderen und man braucht viel Einfühlungsvermögen und Instinkt, um zu wissen, was man in einem bestimmten Moment braucht. Man entwickelt eine Beziehung zu seiner Arbeit und zum Schaffensprozess an sich, die nicht zu früh abgebrochen werden darf. Einige meiner Bilder hatte ich zwei Jahre um mich. Und das ist schon ziemlich lange.
Einmal kam eine 96-jährige Frau, die Mutter einer meiner Sammler, nach einer Ausstellung zu mir und sagte, dass sie meine Bilder jeden Tag ansieht und dass es ihr gefällt, dass sie so optimistisch sind. Ich glaube, noch nie hat mich eine Rückmeldung zu meiner Arbeit so glücklich gemacht! Denn das ist ja das, was ich will. Diese Verbindung herstellen. Diese Lücke füllen. Und das ist wirklich ziemlich schwierig. Besonders, wenn man ausschließlich visuelle Reize einsetzt, um mal ganz andere Regionen des Gehirns zu stimulieren - keine Illustrationen, keine Geschichten.
Das ist etwas, was ein abstraktes Bild einem gegenständlichen Bild voraus hat. Denn da soll der Betrachter immer einen bestimmten Schluss ziehen.
Ja, das ist der große Unterschied. Wenn man sich auf das Abstrakte einlässt, braucht man eine gewisse Freiheit, weil man ja völlig alleine ist. Wenn ich was in den Sand setze, ist das allein meine Schuld - und ich kann mir so was nicht leisten. Es passiert immer mal wieder, dass etwas nicht gut wird. Aber mit der Zeit bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wo die Reise hingehen soll. Kein Element darf ein anderes erdrücken. Eine Farbe, die auf der Leinwand von einer Horde anderer Farben umzingelt ist, muss sich behaupten können. Wenn man den Bildraum aufteilt, wie ich es tue, dann muss jeder einzelne Abschnitt sowohl für sich alleine wirken als auch die Verbindung zum Rest des Bildes aufrechterhalten. Es reicht nicht, wenn man nur gut skizzieren kann, weil der Entwurf allein das Bild nicht trägt. Ein anderer kann vielleicht gut mit Farben umgehen. Farbe alleine trägt das Bild aber auch nicht.
Jedes Element muss seinen Teil zur Harmonie beitragen. Es reicht auch nicht, einfach ein bisschen Rot auf die Leinwand aufzutragen. Es muss dort auch was bewirken. Wenn es nichts bewirkt, muss man es zum Leben erwecken, es verändern. Alles, was ich male, hat eine ganz bestimmte Aufgabe. Es muss permanent funktionieren. Ich kann also nicht einfach irgendwas auf die Leinwand bringen. Wenn es nicht wirkt, nimmt es dem Bild mehr weg, als es ihm gibt. Man könnte vielleicht sagen, ich verfolge mit meiner Malerei eine bestimmte Art von Purismus. Dabei will ich mich aber ganz und gar nicht einschränken lassen. Das sind die Probleme, mit denen man sich als Maler so rumschlägt. Und wenn man lange genug lebt, kann man sehen, wie viele Künstler in ihre eigenen Fallen tappen. Ich betrachte das Ganze im Kontext der Alten Meister. Man kann sich 500 Jahre altes Zeug ansehen und es haut einen immer noch um. Zum Beispiel Vermeer. Der haut einen echt heute noch um! Wie viele Künstler von heute können dem auch nur annähernd das Wasser reichen?
Deine Bilder haben sehr interessante Titel, aber du sagtest, dass sie nicht unbedingt eine gesellschaftliche oder politische Botschaft transportieren sollen.
2005 habe ich ein Bild mit dem Titel The First Black gemalt. Eine Frau fragte mich: „Hat das was mit Obama zu tun?" „Nein", sagte ich, „das hat nichts mit Obama zu tun." Ein anderes Bild von mir heißt The Difference Between Then and Now. Und sie fragte mich: „Hat das hier denn was mit Obama zu tun?" Da konnte ich nur sagen: „Das hat einen Dreck mit Obama zu tun." Es hat mit Menschen zu tun - Punkt! Es gibt auch Leute, die Ethno-Kunst machen, aber ich gehöre nicht dazu. Damit habe ich echt nichts am Hut. Dann heißt es wieder, dass in der abstrakten Kunst alles schon mal da war. Aber es war nie alles schon mal da.
Ich beschäftige mich jetzt schon sehr lange damit, aber wenn man sich einer Sache hingibt und dranbleibt, ist das wie eine Beziehung, die irgendwann in eine Ehe mündet - man ist einfach motiviert, weiterzumachen. Mehr braucht man nicht.