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MINI Space Interview mit Joachim Trier, Regisseur von 25. Mai 2012

Joachim Triers erfinderisches Filmdebüt Reprise, das die unterschiedlichen Wege zweier bester Freunde beschreibt, die beide Schriftsteller werden, begeisterte Kritiker und Zuschauer gleichermaßen und der Autor und Regisseur reihte sich mit seinem Werk in der internationalen Welt des Films in die Reihe der Großen ein. Triers zweiter Spielfilm, Oslo, August 31, erzählt die Geschichte von Anders, einem gebeutelten jungen Mann, der versucht, sich nach einem langen Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum für Suchtkranke wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Trier bezeichnet den Film als “Roadmovie zu Fuß” und folgt Anders am letzten Sommertag auf seinem Weg durch Oslo. Der Film war erstmals in Cannes zu sehen und drehte dann eine prestigeträchtige Runde über internationale Festivals wie Sundance oder Toronto. Erst kürzlich lief er als Teil der Reihe New Directors, New Films. Anders Danielsen Lie, auch bekannt aus Reprise, ist von Beruf eigentlich Chirurg und brilliert in Oslo erneut mit einer beachtlichen und facettenreichen Leistung, auf die jeder Schauspieler stolz wäre. Als nächstes wird Trier zusammen mit Co-Autor Eskil Vogt an einem amerikanischen Film mit dem Titel Louder Than Bombs arbeiten, Drehbeginn hoffentlich bereits im Herbst. Den Zusammenhang mit dem gleichnamigen Album von The Smith wollte er jedoch nicht verraten.
 
Joachim Trier
Joachim Trier, Regisseur
 
 
Reprise war ein sehr persönlicher Film – wie hast Du angefangen, nach neuem Material Ausschau zu halten?
Joachim Trier
Anders Danielsen Lie – "Oslo, August 31"
Nach Reprise habe ich im Grunde ziemlich viele Projekte erwogen, eine Menge Drehbücher gelesen und herausgefunden, dass ich eine ganze Menge Geschichten hatte, die ich selbst erzählen wollte. Es hat also eine Weile gedauert und Eskil Vogt (Co-Autor) und ich haben sogar zwischen den beiden Filmen noch ein weiteres Drehbuch geschrieben. Doch dann gab es die Möglichkeit einer finanziellen Förderung für einen norwegischen Film, so lange ich ihn innerhalb eines Jahres fertig drehen würde. Also haben wir uns nach einer Idee umgesehen, die wir schnell schriftlich umsetzen konnten und wurden fündig. Sie basiert auf einem französischen Roman von 1930 (Le Feu Follet von Pierre Drieu La Rochelle). Ich weiß, dass es komisch klingt, mit so altem Material anzufangen, doch die Geschichte ist so zeitlos und die Figur hatte etwas, von dem wir dachten, dass wir es an einen modernen norwegischen Schauplatz verlegen könnten und es so hoffentlich Anklang finden und sich zeitgenössisch anfühlen würde. Es ist komisch, wenn man mit einem Buch aus Frankreich in den 30ern anfängt und am Ende etwas relativ persönliches über Leute schreibt, wie man sie heute kennt.
 
 
War es also schwierig, das Material auf einen aktuellen Stand zu bringen?
Wie ich schon sagte, denke ich, dass die Figur etwas Zeitloses hat. Es handelt sich um einen gutaussehenden und talentierten jungen Mann mit zahlreichen Möglichkeiten, doch gleichzeitig ist er auch verschämt und entfremdet und steht im Widerspruch zu all den Gelegenheiten, die er nicht ergriffen hat und zu den Dingen, zu denen er nicht fähig war. Das Thema Ehrgeiz und das niederschmetternde Gefühl, nicht fähig zu sein, seinen eigenen Bestrebungen gerecht zu werden, ist etwas, das ich für sehr aktuell halte. Es ist etwas, dass ich heute sicher im Leben vieler Menschen sehe, allerdings glaube ich auch, dass es einfach menschlich und von Dauer ist.
 
Wie hast Du Anders, der eigentlich Chirurg und nicht Schauspieler ist, überzeugt zurückzukommen und an diesem Film mitzuarbeiten?
Joachim Trier
Anders Danielsen Lie
Ja, im Moment arbeitet Anders als Chirurg in Gjøvik, einer kleinen norwegischen Stadt etwa zwei Autostunden außerhalb Oslos. Es war eigentlich nicht schwer, ihn dazu zu bewegen, zurückzukommen und zu schauspielern. Ich glaube, er wollte es versuchen, aber er lässt sich sehr vom Inhalt oder Thema eines Projekts beeinflussen. Er ist nicht jemand, der einfach sagt „Oh, das ist aber ein toller Charakter“. Er will wirklich Teil des kreativen Prozesses sein und helfen, die Themen, die wir untersuchen zu verstehen. Wir haben ihn zum Abendessen eingeladen und ihn gebeten, mitzumachen. Und wie ich bei der Premiere in Cannes und seitdem viele weitere Male gesagt habe: Ich glaube, dass er den Film auf seinen Schultern getragen hat. Wir haben ihn für ihn geschrieben und wenn er nicht ja gesagt hätte, weiß ich nicht, ob wir den Film gemacht hätten.
 
 
Aber die Rolle ist keineswegs einfach. Nicht nur, dass die Thematik und einige Dinge schwierig sind, die Anders tun musste, er ist zudem auch noch in fast jeder Szene zu sehen.
Das stimmt, aber ich kenne ihn nun seit Reprise persönlich und ich wusste, dass er es in sich trägt, etwas tiefer zu ergründen. Das Großartige an Anders ist, dass er sich auf einer Ebene sehr wie ein methodischer Schauspieler vorbereitet. Er hat umfangreiche Recherchen betrieben. Er ist verdeckt zu Treffen von Narcotics Anonymous gegangen. Er hat mit Psychiatern und sogar alten Freunden von mir gesprochen, die mit dem Thema Sucht zu tun hatten. Er hat das Umfeld wirklich durchkämmt. Aber gleichzeitig ist er am Set sehr im Moment selbst und frei. An manchen Tagen hat er sich auf seine Nachforschungen verlassen und an anderen Tagen war er sehr instinktiv und experimentierte einfach, um zu sehen, ob etwas funktionierte. Das ist wahrscheinlich seine beste Eigenschaft, er ist nicht dogmatisch.
 
Wie wählst Du die Musik für Deine Filme aus? Ich weiß, dass sie in "Reprise" direkter auf dem Leben der Charaktere basierte und in Oslo scheint sie nun ein wenig mehr assoziativ zu sein.
Joachim Trier
"Oslo, August 31"
Ja, das ist richtig. Reprise hatte den Subtext von Joy Division und spiegelte die Geschichte von Ian Curtis vor dem Erscheinen von Control wieder, allerdings nur die Mythen dieses Typen in der Band, der eine Art Genie war, jedoch nicht in der Lage zu überleben oder ein normales Leben zu führen und die paradoxe Niedergeschmettertheit dadurch. Joy Division für den Film auszuwählen und später New Order passte zu Reprise und so ist es auch die Geschichte norwegischer Punk-Kultur – auf eine sonderbare Art. Doch bei Oslo war es anders. Du hast Recht, es war assoziativer, emotionaler, wir haben sorgfältig ausgewählt, was zum jeweiligen Moment passen würde. Wie zum Beispiel der etwas nostalgische Song von der alten Pop-Band A-Ha, der läuft, als Anders in der Stadt ankommt…Es ist schwierig, intellektuell zu erfassen, wie diese Auswahl getroffen wird, aber idealerweise sollte der Prozess auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Ich wollte, dass all die Musikstücke, die wir für Oslo verwendeten, eine Bedeutung haben. Ob sie auf dem Klavier gespielt wurden oder im Taxi liefen oder im Hintergrund auf der Party; ich wollte, dass die Stücke soziologisch ausgeprägt aber auch emotional ergreifend sind. Es geht sehr schnell, Bilder mit Filmmusik zu zerstören, indem man ein Gefühl überbetont, also versucht man immer, eine gewisse Balance innerhalb der Szene zu halten.
 
 
 
An Deinen Filmen gefällt mir besonders der Aufbau anhand einer starken Erzählstruktur; gleichzeitig lässt Du jedoch immer noch Platz lässt für Improvisation und kleine unkontrollierte Momente. Ist das Deine bevorzugte Arbeitsweise?
Ich glaube daran, dass das Glück auf der Seite der Vorbereiteten liegt. Der Film wurde ziemlich genauso gedreht, wie er geschrieben wurde, aber unter der Voraussetzung, dass man Umwege erlauben muss, um wieder an die Orte zurückzugelangen, die man geplant hat. Es ist komisch, manchmal lockert man mit den Schauspielern eine Szene ein wenig und macht etwas, was Anders und ich den “Jazz Take” getauft haben; man macht die gleichen Handgriffe, hält sich mehr oder weniger an den Text, aber versucht, etwas ein klein wenig anders zu machen und plötzlich findet ein Bruch oder Wechsel innerhalb der Szene statt und man erhält ein besseres Ergebnis oder einen Moment, den man nicht erwartet hat. Ich denke also, dass die Kontrolle des Chaos die Dynamik ist, mit der man im Kino ständig spielt. Ein anderes Beispiel: Man möchte eine aufwändige und komplizierte Aufnahme mithilfe einer bewegten Kamera erzielen, die man zwar gut plant, doch beim Dreh in einer Stadt wie hier bei uns laufen Leute ins Bild oder irgendetwas passiert… Es gibt immer technische Einschränkungen, aber ich versuche, das Filmemachen sehr persönlich und im Moment selbst zu halten. Wenn ich arbeite, ist es mein Ideal, zu versuchen, eine gewisse altmodische Raffinesse, die ich bewundere und immer noch versuche zu lernen – schließlich habe ich erst zwei Filme gedreht – zu kombinieren mit etwas, das den Charakteren sehr nahe ist und lieber etwas zu wagen als Formeln zu folgen. Ich bin mit der Straßenkultur von Hip-Hop und Punk aufgewachsen und finde daher, dass man sich trauen sollte, das, was man aus seinem eigenen Leben kennt, darzustellen.
 
Links zum Thema:
Joachim Trier
Reprise

Oslo, August 31
Anders Danielsen Lie
Eskil Vogt
 
 
 
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