Wenn ihr in Berlin lebt oder vor kurzem mal dort wart, sind euch wahrscheinlich die farbenfrohen, frechen und hämischen Arbeiten von El Bocho aufgefallen, die Stadtmauern, Brücken und Straßenlampen zieren. Auf manchen Werken von El Bocho sind Mosaike anmutiger weiblicher Figuren zu sehen; aber der Künstler nimmt auch gerne bekannte Sichtweisen auf Berlin auf die Schippe, mit sprechenden Überwachungskameras und anderen Cartoon-artigen Kreaturen. In den Galerien ist er ebenso erfolgreich wie draußen auf der Straße und im Moment ist er unser aktuelles Portfolio der Woche.
MINI Space: Deine Werke über das Leben in der Stadt sind mittlerweile weit über die Grenzen deiner Heimatstadt Berlin bekannt. Was, glaubst du, sind deine speziellen Stileigenschaften, von denen die Leute gefesselt werden? El Bocho: Kommunikation ist für mich das allerwichtigste. Der Betrachter muss den Künstler aus der Ferne erkennen können - so lenkt man zunächst seine Aufmerksamkeit auf das Bild. Jede Arbeit ist anders und einzig. Selbst wenn ich das gleiche Motiv doppelt verwende, gibt es eine leichte Veränderung, die alles verändert. Es ist mir auch wichtig, in den Bildern mich selbst in verschiedenen Schaffensperioden wiederzuerkennen. Wenn ich nach einigen Jahren auf meine Werke zurückblicke, erzählen sie mir immer noch etwas über die Stadt und meine Techniken in der Vergangenheit.
MINI Space: Deine Kunst ist voller Gesichter und Gesichtszüge von Frauen. Sie spielen offenbar eine große inspirierende Rolle für deine Werke.
El Bocho: Ich glaube, die Idee von urbaner Romantik kann intensiver durch die Gedanken von Frauen beschrieben werden. In meinen Arbeiten gebe ich dem Betrachter einen kleinen Wink auf einen unbekannten Menschen, damit er mit seiner eigenen Fantasie eine urbane Story entwerfen kann. Ich denke, dass Frauen das besser verstehen können aber vielleicht lernen die Männer ja, dieser urbanen Gedankenwelt, die manchmal tragisch ist, offener gegenüber zu stehen.
MINI Space: Immer wieder tauchen die Überwachungskameras „Kalle" und „Bernd" in deinen Arbeiten auf. Was ist ihr Hintergrund?
El Bocho: Heutzutage regt sich jeder über Kameras auf. Mir tun sie Leid, denn das Problem sind ja nicht die Kameras sondern die Menschen, die sie einsetzen! Durch die lustige Art, mit der sie mit den Menschen und mit ihrem Umfeld umgehen, erwecken „Kalle" und „Bernd" Aufmerksamkeit und Sympathie. Es ist doch nicht ihr Fehler!
MINI Space: Du wendest eine spezielle Plakatiertechnik an - wie funktioniert die?
El Bocho: Ich experimentiere mit Papier und seinen Eigenschaften bei Wettereinfluss und Sonneneinstrahlung. Das macht die Plakate lebendiger. Sie altern und reagieren auf Umwelteinflüsse. Deswegen arbeite ich so gut wie nie mit quadratischen Plakaten; ihr Effekt ist störend und verhindert die Harmonie mit der Umwelt.
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MINI Space: Was ist deine Meinung zur Kreativgemeinde in Berlin?
El Bocho: Ehrlich gesagt bin ich von der Kreativszene in Berlin sehr enttäuscht. Es gibt so viele Möglichkeiten, die ungenutzt bleiben! Frühere Streetart-Künstler stellen ihre Arbeiten nur in Galerien aus und meiden den öffentlichen Raum. Galerien sind ja schön und gut, aber nicht, wenn man ein Streetart-Künstler ist und seine Werke nur im White Cube ausstellt.
MINI Space: Deine Arbeiten sind seit nunmehr fast zwölf Jahren auf den Straßen Berlins zu finden - eine ziemlich lange Zeit für einen Streetart-Künstler! Warum bewegen sich die Künstler so schnell durch die Szene und aus hier heraus?
El Bocho: Es ist einfach so ein großer Aufwand: Plakate malen, Ideen finden, mit einem Eimer Kleister raus in die Kälte, um dann ein paar Tage später festzustellen, dass der „Spezialkleister" dann doch nicht so speziell war... Das über einen langen Zeitraum durchzuhalten ist nicht einfach! Man braucht die richtigen Verbündeten und die habe ich zum Glück.
MINI Space: Hier bei MINI Space bist du mit neuen Leuten in Kontakt gekommen. Was gefällt dir an der Website? Wie wichtig ist es dir, direkt mit deinen Betrachtern zu kommunizieren?
El Bocho: Ich habe schon richtig kreative Leute hier getroffen, einfach fantastisch! Ich bin froh, diese Möglichkeit des Austauschs zu haben und bin glücklich über jeden Kontakt.
MINI Space: An was arbeitest du gerade und was hast du in Planung?
El Bocho: Dieses Jahr habe ich verschiedene Reisen geplant, beispielsweise zu einer Einzelausstellung nach Peking. Es wird eine große Herausforderung, die Leute dort mit Plakaten anzusprechen, weil sie nicht daran gewöhnt sind und eine andere Auffassung davon haben, was das bedeutet. Ich bin sehr neugierig, was passieren wird.