Die Zeit war reif. Mitten im Winter unternehmen Menschen in den nördlichen Breiten die seltsamsten Dinge. Im vergangenen Jahr wurde der Nachthimmel der Spreemetropole von einer Künstlerin mit einem Laser-Regenbogen verziert, und der Winter regt die Menschen hier anscheinend immer wieder zum Abbrennen von Lagerfeuern an, bei denen alles brennbare verwertet wird. Als wir uns im tiefsten Winter auf die Suche nach dem berühmten Metallzylinder machten, haben wir allerdings keine wärmenden Feuer vorgefunden. Stattdessen werden in dem Oval seit nunmehr einem Jahrhundert in einer warmherzigen Atmosphäre wahrhaftige Helden zu Meistern gekrönt.
Bahnradrennen ist ein extrem schneller, wilder Sport. Aber auch abseits der Bahn geht es heiß her: Rennwetten und Parties bis tief in die Nacht, eingebettet in den Klangteppich ehemaliger ostdeutscher Partybands.
Das Ziel unserer Reise war das ehrwürdige Vélodrome et Piscine Olympique oder auch einfach das Berliner Velodrom. Es wurde vom französischen Stararchitekten Dominique Perrault gestaltet. Das Sechstagerennen wird in den drei Hauptkategorien des Bahnradrennsports ausgetragen: Sprint, Steherrennen und Mannschaftsrennen. Anschließend haben sich alle einen Urlaub verdient - sowohl die geschundenen Radrennfahrer als auch die erschöpften Zuschauer.
Das goldene Zeitalter des Bahnradsports umfasst mehr oder weniger die 30 Jahre vor der Jahrtausendwende und bis kurz danach. Jeder Fahrer und jede Mannschaft sammelt während des Sechstagerennens Punkte. Die Gewinner in jeder Kategorie werden am Ende des Turniers geehrt. Leider finden die traditionsreichen Tandemrennen im Rahmen des Sechstagerennens nicht mehr statt.
Die stark geneigte Bahnführung ermöglicht den Fahrern das Fahren bei voller Geschwindigkeit. Dabei legen sie sich fast im rechten Winkel zum Boden in die Bahn. Die erreichten Geschwindigkeiten liegen bei bis zu 85 km/h (52mph) und mehr.
Den absoluten Blickfang bilden heutzutage die Räder an sich. In ihrer extrem schlanken Ausführung sind Bahnräder zum Objekt der Begierde aller Stadtflitzer auf der ganzen Welt geworden. Ursprünglich wurde diese Radform in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von Fahrradkurieren adaptiert. Für sie war das geringe Gewicht, die hohe Stabilität und die einfache Instandhaltung ausschlaggebend. An den Rädern gab es praktisch nichts, was beschädigt werden konnte oder repariert werden musste, abgesehen von der Kette und den Rädern/Reifen. Dieser Fahrradtyp war das Non-Plus-Ultra, wenn man in Städten wie Tokio, New York oder London hip sein wollte.
Bahnräder haben keine Bremsen. Ihr Rahmen ist wesentlich kompakterer als der eines traditionellen Straßenrennrads. Außerdem verfügen sie lediglich über ein einzelnes Ritzel das direkt mit der Hinterachse verbunden ist und keinen Freilauf. So sind die Rennradler darauf angewiesen, die Geschwindigkeit des Rads mit bloßer Körperkraft über die Pedale zu regeln oder es anzuhalten.
Die extreme Enge der Radler auf der Bahn und die Geschwindigkeiten, die sie erreichen - insbesondere, wenn sie bei Steherrennen hinter einer 750er BMW mit einem 150 Kilo schweren Steher als Windschutz herfahren - sind der pure Nervenkitzel für die Zuschauer. Entsprechend liebevoll wird einer der beliebten Steher-Hünen vom Ansager in der Halle vorgestellt: "Er ist riesig! Eine Sechstagelegende: von vorn ist er ein Fiat! Von hinten ist er ein fahrender Laster!" Steherrennen sind immer die angesagtesten Wettkämpfe.
Die Strömung, die diese Rennlegenden erzeugen, zieht die Radrennfahrer praktisch hinter sich her. Dadurch sind in der Lage, Geschwindigkeiten zu erreichen, die andernfalls undenkbar wären. In der Bahn verständigen sich die Rennfahrer und ihre Steher über eine ausgeklügelte Zeichensprache. So koordinieren sie ihre Fahrt. Und das auch bei nur einer Handbreit Abstand zwischen den einzelnen Konkurrenten. Wenn sich das gefährlich anhört, dann weil es so ist.
Unsere Freunde von Red Bull veranstalten einen eigenen Kleinevent. Sie kombinieren Elemente des Bahnrennens mit dem Einzel-Zeitrennen auf einer Bahn, die nur wenig breiter ist als ein gängiger Geländewagen.
Die Leidenschaft der Japaner für diesen Sport geht noch einen Schritt weiter. Dort kann gewettet werden, sobald die Räder einmal rollen. Mit über 100 Radrennbahnen ist Keirin eine von vier Sportarten in Japan, bei der gewettet werden kann. Pachinko gehört nicht dazu.
Die Ausstattung der Räder ist minimalistisch (keine Gangschaltung, keine Bremsen). Bis auf den Jubel der Menge oder die musikalische Untermalung der berüchtigten Gala und Partyband "Music & Voice" sind nur die tosenden Gummireifen zu hören, die über die Jahrzehnte alte Holzbahn der Arena donnern.
Alles zusammen ergibt einen Riesenspaß und eine Festivalatmosphäre, die die gesamte Stadt erfasst. Sowohl die Kulturelite als auch Familien und Partyvolk - alle treffen sich alljährlich unter einem Dach, um das Eine zu erleben: den Sport und jede Menge Spaß.