Für JR ist jede Galerie zu klein. Der Fotograf, Filmemacher, Aktivist und Street-Artist benutzt die Metropolen dieser Welt als Ausstellungsraum. Größe hat bei JR nichts mit Eitelkeit zu tun. Größe wird bei ihm zum Werkzeug: Man kann sich an seinen Fotokopien von Gesichtern im extremen Close-up, die über ganze Stadtteile klettern, wuchern und wachsen, nicht vorbeischleichen.
„Inside Out": Hier sind Bewohner der Stadt Nablus, West Bank zu sehen.
Mit Klebstoff und vielen Quadratmetern Papier gibt der Pariser vor allem all jenen ein Gesicht, die im Alltag der Millionenstädte unsichtbar sind. So starrten von den Häuserwänden und Wellblechdächern der ältesten Favela von Rio de Janeiro, Morro da Providência, die wachen Augen unzähliger Bewohner als gigantische Fotokopien.
Die brasilianischen Favela-Bewohner treten aus der Anonymität hervor. Sichtbar werden die realen Menschen, die hier leben.
JR hatte die Arbeit installiert, nachdem drei junge Männer aus der Gegend umgebracht worden waren. Die Augen gehören Müttern, Tanten oder Freundinnen, mit denen JR sich tagelang unterhalten hatte. Sie schauen fröhlich, erschreckt, traurig oder auffordernd und befreien den Slum plötzlich von seiner unmittelbaren Bedrohlichkeit. Jenseits aller Not und Kriminalität leben hier reale Individuen mit Gedanken, Sorgen und Träumen. Kraftvoller und konsequenter hätte man Unsichtbares nicht sichtbar machen können.
Überdimensionale Trauer: Bild der Verwandten eines Mordopfers auf der Treppe einer brasilianischen Favela.
JR spricht mit Gangmitgliedern, trauernden Müttern oder zornigen Außenseitern. Er gab Jugendlichen in den Pariser Banlieues zu Zeiten der Rebellion eine Stimme jenseits der stereotypen Berichterstattung. Araber und Juden brachte er zum Lachen und tapezierte ihre fröhlichen Gesichter dicht an dicht in Israel und dem Westjordanland: „Face2Face“ war ein großes, gemeinsames Lachen.
Mit Lachen Feindschaft besiegen: JR-Poster an der Mauer, die Israelis und Palästinenser trennt.
Bei seinem aktuellen Projekt „Inside Out“ macht jeder sein eigenes Foto samt Aussage, schickt es JR, bekommt davon einen Posterausdruck geschickt und sucht sich eine Stelle in seiner Stadt, um ihn anzubringen. Abenteuer und Performance in einem.
Jugendliche in Tokio nehmen daran ebenso teil wie Mitglieder des Standing Rock Sioux Tribe, die ihre Porträts in der Prärie verteilten. „Es ist einfach, auf Facebook zu sagen: Das mag ich, das mag ich nicht“, sagte JR in einem Interview. „Aber zu seinem eigenen Bild stehen, wenn es für alle sichtbar auf der Straße hängt, ist eine andere Ebene.“
Die ganze Geschichte von Julia Grosse über den „Banksy von Paris“ lesen Sie in der neuesten Ausgabe von THE MINI INTERNATIONAL.